Der erste Morgen, an dem dein Kind ganz allein aus der Haustür geht, die Kapuze richtet und um die nächste Straßenecke verschwindet, ist einer dieser leisen, aber gigantischen Meilensteine des Elternseins. Es ist ein Moment, der sich im Herzen viel größer anfühlt, als er rein physikalisch ist.
Ein Teil von dir spürt eine stolze Erleichterung: Mein Kind wird groß. Es vertraut sich selbst.
Der andere Teil von dir steht mit der Kaffeetasse in der Hand am Fenster, schiebt die Gardine ein Stück zur Seite und beobachtet mit klopfendem Herzen die Straße, bis die kleine Gestalt wirklich außer Sichtweite ist. Und selbst dann wandert der Blick noch Minuten später nervös zur Uhr.
Es ist dieser typische Ampel-Moment der Erziehung: Soll ich noch halten oder kann ich schon loslassen?
Die wichtigste Nachricht direkt vorweg: Es gibt kein magisches, allgemeingültiges Alter, ab dem „es einfach passt“.Entwicklung hält sich nicht an Geburtsurkunden. Aber es gibt klare Kriterien, verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen und ein pragmatisches Schritt-für-Schritt-Training, das dir und deinem Kind den Übergang von der Hand an der Hand zur eigenen Selbstständigkeit spürbar erleichtert.
Warum dieser Moment so emotional ist (und was in uns Eltern passiert)
Bevor wir auf Verkehrsregeln, Paragraphen und Kilometerangaben schauen, müssen wir über das sprechen, was an diesem Morgen in deinem Kopf passiert. Der Schulweg ist für Eltern oft der allererste echte Kontrollverlust im öffentlichen Raum.
Bis zu diesem Tag warst du fast immer die Schutzhülle um dein Kind herum. Wenn ein Auto zu schnell fuhr, hast du den Arm vor die Brust deines Kindes geschnellt. Wenn ein Hund bellte, warst du da, um die Hand festzuhalten. Wenn die Fußgängerampel auf Rot sprang, warst du die Barriere, die das Weitergehen stoppte.
Wenn dein Kind nun allein losgeht, übergibst du die Regie komplett an ein kleines Wesen, das noch vor wenigen Jahren Hilfe beim Schuhezubinden brauchte. Dieser Übergang erfordert von uns Eltern ein gewaltiges Maß an Vertrauen. Es ist völlig normal, dass dein Nervensystem auf diese neue Situation mit Anspannung, Herzklopfen oder einer leisen Unruhe reagiert.
Oft sind es auch nicht die Fähigkeiten des Kindes, die uns zweifeln lassen, sondern unser eigener Mental Load. Wenn wir morgens bereits von Terminen, Pausenbroten und der Sorge vor dem unübersichtlichen Straßenverkehr überfordert sind, fällt das Loslassen doppelt schwer. Wenn du merkst, dass dich solche Übergänge im Familienalltag emotional stark belasten und du Werkzeuge suchst, um dein eigenes Nervensystem in diesen Momenten zu regulieren und innere Ruhe zu finden, kann dir das RAUM-Workbook eine wertvolle Begleitung sein. Es hilft dir dabei, im trubeligen Alltag wieder in deine Kraft zu kommen und deine eigene emotionale Standfestigkeit zu stärken.
Was das Gesetz sagt – und was überraschenderweise nicht
Wenn Eltern sich fragen, wann ihr Kind reif für den alleinigen Schulweg ist, suchen sie oft nach klaren rechtlichen Fristen. Doch wer im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) nach einer konkreten Altersangabe sucht, wird vergeblich blättern.
Der Gesetzgeber hält sich bewusst bedeckt und regelt die Elterliche Sorge über den § 1626 BGB. Dort heißt es sinngemäß: Eltern haben bei der Erziehung und Betreuung die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes nach selbstständigem, verantwortungsbewusstem Handeln zu berücksichtigen.
Auf den Schulweg übersetzt bedeutet das:
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Du triffst die Entscheidung individuell: Kein Amt, keine Schulleitung und kein Gesetzbuch schreibt dir vor, ab welchem Geburtstag dein Kind allein laufen muss.
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Du kennst dein Kind am besten: Die rechtliche Verantwortung liegt darin, die Reife deines Kindes realistisch einzuschätzen – nicht im Strich auf der Geburtstagstorte.
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Keine Verletzung der Aufsichtspflicht: Wer sein Grundschulkind nach gründlicher Vorbereitung und Einschätzung alleine zur Schule gehen lässt, handelt keineswegs fahrlässig, sondern erfüllt genau diesen gesetzlichen Auftrag zur Erziehung der Selbstständigkeit.
Die Sache mit dem Versicherungsschutz: Ein beruhigender Fakt
Viele Eltern sorgen sich, dass die Versicherung nicht zahlt, wenn dem Erstklässler auf dem Weg ohne elterliche Begleitung etwas zustößt. Hier gibt es eine klare, rechtliche Entwarnung:
Der Versicherungsschutz über die gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) gilt auf dem direkten Schulweg (und den typischen Umwegen, etwa zur Hortbetreuung) völlig unabhängig vom Alter des Kindes und unabhängig davon, welches Verkehrsmittel genutzt wird – ob zu Fuß, mit dem Tretroller, dem Bus oder dem Fahrrad.
Sogar die viel zitierte Fahrradprüfung in der Grundschule ist rechtlich keine Voraussetzung für den Versicherungsschutz. Dennoch ist sie eine essenzielle inhaltliche Orientierung für die tatsächliche Verkehrssicherheit deines Kindes.
Grober Orientierungsrahmen: Welches Alter für welchen Weg?
Auch wenn jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo hat, bieten Verkehrsexpert:innen der Verkehrswacht und Automobilclubs wissenschaftlich fundierte Orientierungswerte. Der Schulweg ist schließlich nicht nur eine Frage des Muts, sondern vor allem der Hirnentwicklung und Wahrnehmung.

1. Zu Fuß auf übersichtlichen Wegen (6 bis 7 Jahre)
Wenn der Schulweg kurz ist (ca. 10 bis 15 Minuten), durch ein Wohngebiet oder eine ruhige 30er-Zone führt und keine unübersichtlichen Hauptstraßen gekreuzt werden müssen, schaffen viele Kinder diesen Weg bereits ab der Einschulung. In diesem Alter ist die Wahrnehmung allerdings noch stark auf das direkte Blickfeld verengt (Tunnelblick), weshalb reine Fußwege ohne großen Autoverkehr ideal sind.
2. Zu Fuß bei komplexer Verkehrslage (8 bis 9 Jahre)
Müssen mehrspurige Fahrbahnen, viel befahrene Kreuzungen ohne Ampel oder unübersichtliche Baustellen passiert werden, raten Verkehrspädagog:innen eher dazu, das Kind bis ins dritte Schuljahr zu begleiten oder den Weg durch einen sicheren Umweg anzupassen. Kinder in diesem Alter können das Herannahen von Autos räumlich besser einschätzen, lassen sich aber bei Ablenkungen durch Gleichaltrige immer noch leicht mitreißen.
3. Mit dem Tretroller oder Kickboard (7 bis 8 Jahre)
Tretroller sind bei Grundschulkindern extrem beliebt, weil sie schnell sind. Genau das ist aber das Problem: Durch die höhere Geschwindigkeit verkürzt sich die Reaktionszeit des Kindes drastisch. Zudem sind die kleinen Räder anfällig für Bordsteinkanten, Rollsplitt oder nasses Laub. Ein Kind sollte erst dann mit dem Tretroller allein zur Schule fahren, wenn es zu Fuß absolut sicher navigiert und den Roller auch bei plötzlichen Hindernissen aus vollem Lauf sicher abbremsen kann.
4. Mit dem Fahrrad durch den Straßenverkehr (9 bis 11 Jahre)
Das Radfahren auf der Straße wird von Erwachsenen oft unterschätzt, weil wir es unbewusst steuern. Für Kindergehirne ist es eine motorische und kognitive Höchstleistung:
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Geschwindigkeiten einschätzen: Erst ab etwa 9 Jahren können Kinder Geschwindigkeiten herannahender Fahrzeuge halbwegs zuverlässig kalkulieren.
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Einhändig fahren & Blickkontakt: Das Geben von Handzeichen beim Abbiegen, während gleichzeitig die Spur gehalten und der Rückverkehr beobachtet werden muss, klappt meist erst ab Klasse 4 motorisch sicher.
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Gefahren antizipieren: Während Erwachsene vorausdenken („Aus dieser Ausfahrt könnte gleich ein Auto kommen“), reagieren Kinder meist erst, wenn die Gefahr bereits da ist.
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Mehrfache Reizverarbeitung: Komplexe optische und akustische Reize reifen neurobiologisch sogar erst mit ca. 11 Jahren voll aus.
Eine hervorragende Richtschnur für den Start auf zwei Rädern ist die bestandene Jugendverkehrsschule (Fahrradprüfung), die standardmäßig in der 4. Klasse absolviert wird.
Die neurobiologische Perspektive: Warum Kinder den Verkehr anders sehen als wir
Um zu verstehen, warum ein Erstklässler an einer viel befahrenen Straße anders reagiert als ein Erwachsener, lohnt sich ein Blick auf die kindliche Entwicklung. Es liegt nämlich keineswegs an mangelnder Intelligenz oder Unkonzentriertheit, wenn Kinder Fehler im Straßenverkehr machen – ihr Körper und ihr Gehirn sind schlicht noch nicht fertig ausgereift.
Das eingeschränkte Sichtfeld
Erwachsene haben ein Gesichtsfeld von fast 180 Grad. Wir nehmen im Augenwinkel wahr, wenn sich von links ein Fahrrad nähert, selbst wenn wir nach vorne schauen. Das Gesichtsfeld eines 6-jährigen Kindes ist um etwa ein Drittel kleiner. Es sieht die Welt wie durch einen Trichter oder Tunnel. Was sich seitlich nähert, nimmt das Kind erst sehr spät wahr – es muss den Kopf aktiv drehen, um die Umgebung zu erfassen.
Die Gehör-Orientierung
Wir Erwachsene können anhand von Geräuschen sofort orten, aus welcher Richtung ein Auto kommt und ob es sich nähert oder entfernt. Bei Kindern ist das Richtungshören im Grundschulalter noch in der Entwicklung. In einer lauten Geräuschkulisse (z. B. an einer großen Kreuzung) fällt es ihnen schwer, ein einzelnes Herannahen herauszufiltern.
Die Körpergröße als Hindernis
Ein Erstklässler ist im Durchschnitt etwa 1,20 Meter groß. Das bedeutet:
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Das Kind kann nicht über parkende Autos hinwegschauen, um zu sehen, ob die Straße frei ist.
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Autofahrende können das Kind hinter geparkten SUVs oder Mülltonnen schlicht nicht sehen.
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Die Perspektive des Kindes ist komplett verdeckt, was zu falschen Einschätzungen führt („Ich sehe kein Auto, also ist da keins“).
Die 5 Fragen, die wirklich zählen (Der Reife-Check für dein Kind)
Anstatt auf das Geburtsdatum zu schauen, empfiehlt die Deutsche Verkehrswacht Eltern, sich vor der Entscheidung für den Alleingang diese fünf ehrlichen Fragen zu stellen:
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Konzentration vs. Ablenkung: Kann sich mein Kind über 15 Minuten hinweg auf den Weg und den Verkehr konzentrieren – oder vergisst es alles um sich herum, wenn auf der anderen Straßenseite ein Hund bellt, ein Bagger steht oder ein Schulkamerad winkt?
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Zuverlässigkeit bei Absprachen: Hält sich mein Kind auch dann an vereinbarte Stopp-Punkte, Zebrastreifen und Routen, wenn ich nicht direkt daneben stehe und zuschaue?
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Umgang mit Unvorhergesehenem: Weiß mein Kind, was zu tun ist, wenn die Fußgängerampel ausfällt, der Bürgersteig wegen einer Baustelle gesperrt ist, ein Müllauto den Gehweg versperrt oder der gewohnte Weg versperrt ist?
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Die Gruppendynamik: Wie verhält sich mein Kind zusammen mit anderen Kindern? Bleibt es aufmerksam oder lässt es sich zu Mutproben, Schubsen und unüberlegtem Losrennen an der Bordsteinkante hinreißen?
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Echtes Bauchgefühl: Traue ich es meinem Kind tief im Inneren wirklich zu – oder überrede ich mich nur, weil „alle anderen“ in der Klasse schon allein laufen?
Der Schatten-Test: Wenn du dir unsicher bist, mache den Praxistest. Lass dein Kind morgens vorgehen und folge ihm mit etwa 30 bis 50 Metern Abstand auf der anderen Straßenseite. Beobachte ungefiltert, ob es sich an unübersichtlichen Stellen wirklich so verhält, wie ihr es gemeinsam eingeübt habt. Du wirst überrascht sein, wie viel aufmerksamer Kinder sind, wenn sie wissen, dass niemand ihre Hand hält!
Schritt für Schritt: So trainiert ihr den Schulweg richtig
Verkehrssicherheit fällt nicht vom Himmel – sie ist das Ergebnis von Wiederholung, Routine und Vorbildern. Ein erfolgreiches Training erfordert Geduld und Struktur.

1. Rechtzeitig vor der Einschulung starten
Fange nicht erst in den letzten drei Tagen der Sommerferien an, den Schulweg abzulaufen. Beginne am besten schon im Frühjahr vor der Einschulung. So bleibt genügend Zeit, verschiedene Routen ohne Zeitdruck auszuprobieren und das Wissen spielerisch zu festigen.
2. Sicherheit geht immer vor Kürze
Der direkte Weg ist nicht automatisch der beste. Der sicherste Weg führt lieber über eine ruhige Nebenstraße, nutzt gesicherte Überwege wie Zebrastreifen oder Ampeln und vermeidet unübersichtliche Einfahrten, Supermarktausfahrten oder unübersichtliche Kurven. Frag bei eurer Grundschule gezielt nach einem Schulwegplan – hier sind gefährliche Knotenpunkte meist schon professionell kartiert.
3. Festgelegte Routen beibehalten
Lass dein Kind in den ersten Monaten immer exakt denselben Weg laufen. Varianten und Abkürzungen führen bei jungen Grundschulkindern schnell zur Orientierungslosigkeit, wenn spontan Hindernisse auftauchen. Erst wenn eine Route blind sitzt, können Ausweichrouten geübt werden.
4. Zu unterschiedlichen Tageszeiten und Wetterlagen üben
Ein Schulweg an einem sonntäglichen Mai-Nachmittag fühlt sich völlig anders an als an einem regnerischen Dienstag um 7:20 Uhr im Berufsverkehr. Übt den Weg bewusst im morgendlichen Berufsverkehr, um das reale Aufkommen an Autos, Bussen und E-Scootern kennenzulernen. Übt auch bei Dämmerung oder Regen, wenn die Sichtverhältnisse schlechter sind.
5. Rollentausch: Das Kind wird zum Verkehrs-Coach
Nachdem ihr den Weg ein paar Mal gemeinsam gegangen seid, dreht das Spiel um. Dein Kind übernimmt ab jetzt die Führung und muss dir an jeder Kreuzung erklären, warum ihr jetzt stehen bleibt, worauf geachtet werden muss und wann es sicher ist, die Straße zu überqueren („Ich schaue nach links, rechts, links. Wenn alle Räder stehen, darf ich gehen“). Durch das Aussprechen verankern sich die Regeln im Gedächtnis des Kindes.
6. Alltagswege als Übungsfeld nutzen
Verbinde das Verkehrstraining mit normalen Wegen zum Spielplatz, Bäcker oder zu Freunden. Lass dein Kind an jeder Bordsteinkante aktiv entscheiden. So wird das Anhalten an der Bordsteinkante zu einem automatischen Reflex, der im Gehirn abgespeichert ist.
7. Vorbild sein – ohne Ausnahmen
Kinder lernen nicht durch deine Worte, sondern durch deine Füße. Wer bei Rot noch schnell über die Ampel huscht, weil der Bus gleich kommt, entwertet monatelanges Training. Das Kind merkt sich unbewusst: „Wenn man es eilig hat, gelten die Regeln nicht.“ Halte dich penibel an alle Verkehrsregeln, wenn du mit deinem Kind unterwegs bist.
8. Das Ausschleich-Prinzip
Gehe nicht von 100 auf 0. Begleite dein Kind zuerst den gesamten Weg. Im nächsten Schritt geht ihr gemeinsam bis zu einem festgelegten Punkt (z. B. der Bäcker an der Ecke) und das Kind läuft die letzten 200 Meter allein zur Schule. Danach drehst du das Prinzip um: Du verabschiedest dich an der Haustür und gehst deinem Kind mit Abstand nach, bis es schließlich den gesamten Weg allein meistert.
Das A und O: Sichtbarkeit und Ausstattung im Straßenverkehr
Die häufigsten Unfälle auf dem Schulweg passieren nicht etwa beim Fahrradfahren, sondern beim Überqueren der Fahrbahn zu Fuß. Der Hauptgrund: Kleine Kinder werden aufgrund ihrer Körpergröße hinter parkenden Autos, Transportern oder im Morgengrauen schlicht von Autofahrenden übersehen.

Besonders in den dunklen Herbst- und Wintermonaten gilt: Auffallen ist Lebensversicherung. Ein dunkel gekleidetes Kind wird von Autofahrenden im Abblendlicht erst aus etwa 25 Metern Entfernung wahrgenommen. Bei einer Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h beträgt der Bremsweg eines Autos knapp 28 Meter – das Auto kommt im Ernstfall also erst hinter dem Kind zum Stehen.
Ein Kind mit Warnweste, hellem Schultranzen und Reflektoren ist dagegen bereits aus 140 Metern sichtbar. Das gibt Fahrzeugführerinnen und -führern mehr als ausreichend Reaktions- und Bremsweg, um rechtzeitig anzuhalten.
Achtest du beim Kauf des Schulranzens auf die Norm DIN 58124? Diese schreibt vor, dass mindestens 10 Prozent der Vorder- und Seitenflächen aus retroreflektierendem Material und mindestens 20 Prozent aus fluoreszierendem Material (z. B. leuchtend gelb oder orange) bestehen müssen.
Fremde Menschen auf dem Schulweg: Wie bereite ich mein Kind richtig vor?
Neben dem Straßenverkehr ist die Angst vor Übergriffen oder dem „Angesprochenwerden durch Fremde“ eine der größten Sorgen von Eltern. Auch hier hilft kein Panikmachen, sondern klares, sachliches Verhaltenstraining.
Die Regel: „Kein Mitgehen, kein Einsteigen“
Bring deinem Kind eine glasklare, unumstößliche Regel bei: Du steigst niemals bei jemandem ins Auto ein und gehst niemals mit jemandem mit – egal, was dieser Mensch erzählt.
Täter nutzen selten körperliche Gewalt, sondern Ausreden, die an die Hilfsbereitschaft oder Neugier von Kindern appellieren:
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„Mein Hund ist weggelaufen, hilfst du mir suchen?“
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„Deine Mama liegt im Krankenhaus, sie hat mich geschickt, um dich abzuholen.“
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„Ich habe Welpen im Auto, willst du sie mal streicheln?“
Das Codewort vereinbaren
Für Notfälle oder plötzliche Planänderungen solltet ihr in der Familie ein vertrauliches Codewort vereinbaren (z. B. „Pizzaboden“ oder „Blaubeere“). Sag deinem Kind: „Wenn mich irgendjemand vertreten muss und dich abholt, wird diese Person dir unser Codewort sagen. Wenn die Person das Codewort nicht weiß, gehst du nicht mit – egal, wie nett sie ist oder ob du sie vom Sehen kennst.“
Rettungsinseln auf dem Schulweg definieren
Geht den Schulweg ab und zeigt eurem Kind sogenannte „Rettungsinseln“. Das sind Orte, an denen immer Menschen sind, bei denen das Kind im Notfall Hilfe suchen kann:
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Bäckereien oder kleine Geschäfte (viele Städte bieten dafür Aufkleber wie „Noteingang“ an Schaufenstern an)
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Die Pförtnerloge oder das Sekretariat
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Bekannte Nachbarn entlang der Strecke
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Öffentliche Busse oder Straßenbahnen
Bring deinem Kind bei: Wenn es sich unwohl fühlt oder verfolgt glaubt, soll es nicht nach Hause oder auf einsame Spielplätze laufen, sondern direkt in ein Geschäft gehen und die Verkäuferin laut ansprechen: „Ich habe Angst, bitte rufen Sie meine Mutter an!“
Was tun, wenn dein Bauchgefühl noch „Nein“ sagt?
Du hast alle Kriterien gelesen, seid den Weg dreimal abgelaufen, aber tief in deinem Inneren zieht sich alles zusammen? Du liegst nachts wach und spürst nur Sorge?
Das ist völlig okay. Nimm den Druck raus.
Keine Mutter und kein Vater muss sich dafür rechtfertigen, ein Kind noch nicht alleine gehen zu lassen. Druck von außen („Wie, dein Kind läuft immer noch nicht allein? Die anderen aus der Klasse machen das längst!“) ist hier ein denkbar schlechter Ratgeber. Wenn dein Bauchgefühl Stopp sagt, gibt es hervorragende Zwischenschritte, die Selbstständigkeit fördern, ohne dein Nervensystem zu überfordern:
Der Schulweg-Fußbus („Walking Bus“)
Der „Fußbus“ ist eine der charmantesten und nachhaltigsten Lösungen für Grundschulen:
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Familien aus der Nachbarschaft organisieren eine feste Route mit erfundenen „Haltestellen“ und festen Abholzeiten.
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Ein oder zwei Elternteile begleiten die Gruppe abwechselnd zu Fuß.
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Die Kinder sammeln sich an den Haltestellen und laufen gemeinsam als fröhliche Gruppe zur Schule.
Das bringt Dreifach-Vorteile: Die Kinder sind an der frischen Luft, haben soziale Kontakte vor Unterrichtsbeginn und lernen das Verhalten in der Gruppe. Gleichzeitig werden mehrere Elternteile wöchentlich entlastet und der Schulweg ist durch die Erwachsenenbegleitung absolut sicher.
Die Elternhaltestelle statt „Elterntaxi“
Wer sein Kind aus organisatorischen Gründen mit dem Auto bringen muss, sollte auf das klassische Parken direkt vor dem Schultor verzichten. Das sogenannte „Elterntaxi“ führt vor Schulen regelmäßig zu gefährlichen Wendemanövern, Halten in zweiter Reihe, verstopften Straßen und unübersichtlichem Chaos für alle Kinder, die zu Fuß unterwegs sind.
Nutz stattdessen ausgewiesene Elternhaltestellen in etwa 300 bis 500 Metern Entfernung zur Schule. Du parkst dort stressfrei außerhalb der Gefahrenzone, verabschiedest dein Kind und es läuft das letzte Stück gemeinsam mit Mitschülern. So bekommt es seine tägliche Dosis Bewegung und Selbstständigkeit, ohne im Verkehrschaos vor der Schultür zu landen.
Die Entscheidung ist nicht in Stein gemeißelt
Selbstständigkeit ist kein Schalter, den man einmal umlegt und der dann für immer eingerastet bleibt. Entwicklung verläuft nicht linear, sondern in Wellen.
Vielleicht läuft dein Kind im September stolz alleine los, hat aber im feuchtkalten November plötzlich wieder Angst im Dunkeln oder klagt über Bauchschmerzen vor dem Schulweg. Das ist kein Rückschritt und kein Scheitern, sondern ein völlig normales Bedürfnis nach Schutz und Nähe.
Du darfst heute Ja sagen, im Winter temporär auf den Fußbus umsteigen, dein Kind an schwierigen Tagen wieder begleiten und im Frühjahr mit dem Fahrrad neu starten. Hör auf die Reife deines Kindes, beobachte den Weg, überprüfe eure Abläufe und vertraue deinem Bauchgefühl – denn am Ende ist der Schulweg nicht nur der Weg zur Schule, sondern der erste von vielen kleinen Schritten in ein selbstbestimmtes, mutiges Leben.
Quellen & Weiterführende Informationen
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ADAC e.V.: Sicherer Schulweg für Grundschulkinder – Ratgeber für Eltern
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Deutsche Verkehrswacht (DVW): Schulwegpläne und Verkehrserziehung im Grundschulalter
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Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Versicherungsschutz auf dem Schulweg (Information 202-005)
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Bürgerliches Gesetzbuch (BGB): § 1626 Elterliche Sorge, Grundsätze
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Stiftung Warentest / test.de: Aufsichtspflicht und Selbstständigkeit bei Kindern







