Die vergessene Frau: Wie wir als Mamas unsere eigenen Interessen aus den Augen verlieren – und wie wir sie uns zurückholen

Für alle Mamas, die sich insgeheim nicht mehr sicher sind, was sie eigentlich mögen, weil es schon so unendlich lange her ist. Ein ehrlicher Blick auf die Identitätskrise im Familienalltag.

Es war ein ganz normaler Samstagabend, vor ein paar Monaten. Wir waren auf dem Geburtstag eines Bekannten eingeladen. Die Kinder waren bei den Großeltern, ich hatte mir seit Langem mal wieder etwas Schönes angezogen und stand mit einem Glas Sekt in einer kleinen Runde von Menschen, die ich flüchtig kannte. Der Smalltalk plätscherte nett dahin, bis mich ein Mann mittleren Alters ansah, lächelte und eine eigentlich völlig banale, harmlose Frage stellte: „Und, was machst du so? Was sind deine Hobbys, wenn du mal nicht arbeitest?“

Ich öffnete den Mund, um zu antworten. Und dann… passierte nichts.

In meinem Kopf herrschte plötzlich eine absolute, ohrenbetäubende Stille. Ich überlegte. Ich kramte in den Schubladen meines Gehirns. Sekunden verstrichen, die sich wie kleine Ewigkeiten anfühlten. Das Lächeln auf meinem Gesicht fror langsam ein. Mir schossen Gedanken durch den Kopf wie: „Ich koche gerne… nein, das tue ich für die Familie. Ich gehe gerne spazieren… ja, aber meistens schiebe ich dabei einen Kinderwagen oder sammle Kastanien für den Bastel-Nachmittag. Ich schlafe gerne… zählt Schlafen als Hobby?“

Am Ende stammelte ich irgendetwas Unverfängliches von „Na ja, mit Kindern hat man ja kaum Zeit, da ist die Familie mein Hobby…“ und nippte hastig an meinem Sekt.

Als ich später am Abend im Auto auf dem Heimweg saß und aus dem Fenster in die Dunkelheit blickte, schnürte sich mir die Kehle zu. Diese Frage hatte eine Wunde berührt, die ich monatelang, vielleicht jahrelang erfolgreich ignoriert hatte. Früher hatte ich wie aus der Pistole geschossen Antworten auf diese Frage gehabt. Wenn man mich mit zwanzig gefragt hätte, wer ich bin und was ich mag, hätte ich gesagt: Ich liebe das Lesen – richtige, dicke Romane, stundenlang, ohne Unterbrechung. Ich male mit Acrylfarben auf Leinwänden. Ich wandere leidenschaftlich gerne alleine durch schweigende Wälder, um meine Gedanken zu sortieren. Ich liebe Independent-Filme und gehe gerne auf kleine Konzerte.

Und jetzt? Wann war das alles verschwunden? Wann hatte ich aufgehört, die Person zu sein, die diese Dinge liebt?

Das Erschreckende daran war: Es gab keinen dramatischen Knall. Es gab keinen Tag, an dem ich feierlich beschlossen hatte: „So, ab heute bin ich nur noch Mutter und gebe alles auf, was mich ausmacht.“ Es ist einfach passiert. Ganz leise. Schleichend. Unbemerkt.


Die Anatomie des Verschwindens: Wie wir uns selbst wegrationalisieren

Wenn wir Mutter werden, verschieben sich die Tektonischen Platten unseres Lebens. Ein winziger, absolut hilfloser Mensch zieht in unseren Alltag ein und fordert unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Das ist biologisch so gewollt und in den ersten Wochen und Monaten auch wunderschön und überlebenswichtig.

Das Problem ist nicht die erste Phase mit dem Neugeborenen. Das Problem ist das, was in den Jahren danach passiert. Es beginnt mit einer winzigen, vollkommen verständlichen Verschiebung nach der anderen:

  • Du lässt deinen wöchentlichen Sportkurs einmal ausfallen, weil das Kind zahnt oder Schnupfen hat. Aus dem einen Mal werden zwei Male, dann drei, und irgendwann meldest du dich klammheimlich vom Kurs ab, weil „es sich zeitlich einfach nicht mehr lohnt“.

  • Du kaufst dir einen packenden Roman, legst ihn auf den Nachttisch und liest am ersten Abend zwei Seiten, bevor dir vor Erschöpfung die Augen zufallen. Nach drei Wochen stellst du das Buch ungelesen ins Regal und greifst stattdessen zu einem Elternratgeber über Kinderschlaf oder Trotzphasen – schließlich musst du ja „das Problem lösen“.

  • Eine Freundin fragt, ob ihr am Wochenende ein paar Stunden in die Sauna gehen wollt. Du blickst auf den vollen Familienkalender, siehst den Mental Load deines Partners, denkst an die Wäscheberge und sagst ab. Du tröstest dich mit dem Satz: „Wenn die Kinder größer sind, habe ich wieder mehr Zeit für mich.“

Jede dieser einzelnen Entscheidungen für sich genommen ist absolut logisch, nachvollziehbar und oft auch von Liebe und Fürsorge getrieben. Aber wenn man all diese kleinen Streichungen über fünf, sieben oder zehn Jahre aufsummiert, ergeben sie am Ende ein mathematisch bitteres Resultat: ein Leben, in dem du selbst als eigenständige Person mit eigenen Bedürfnissen, Talenten und Leidenschaften schlichtweg nicht mehr vorkommst.

Du bist zur Managerin eines kleinen Familienunternehmens geworden. Du weißt exakt, welche Schuhgröße dein Kind im nächsten Frühling braucht, wann die Katze ihre nächste Wurmkur bekommen muss und welche Gemüsesorte der Partner im Auflauf toleriert. Aber wenn man dich fragt, was du fühlst, was dich begeistert und was deine Seele zum Leuchten bringt, wenn alle anderen im Bett liegen – dann starrst du ins Leere


Der gefährliche Trugschluss der Aufopferung

In unserer Gesellschaft haftet der Mutterrolle immer noch dieses antiquierte, toxische Ideal der Aufopferung an. Eine „gute Mutter“ ist demnach eine Frau, die sich komplett für ihre Familie aufzehrt. Die ihre eigenen Wünsche ganz hintenanstellt und deren größte Erfüllung es ist, im Dienst der anderen zu stehen.

Ich möchte hier eine ganz klare, unmissverständliche Grenze ziehen: Das ist kein Liebesbeweis. Das ist emotionale Selbstausbeutung.

Wenn wir uns selbst komplett wegrationalisieren, tun wir unseren Kindern keinen Gefallen. Kinder lernen nicht durch das, was wir ihnen sagen, sondern durch das, was wir ihnen vorleben. Wenn deine Kinder eine Mutter erleben, die keine eigenen Grenzen kennt, die keine eigenen Hobbys hat, die ihre eigenen Freuden permanent unterdrückt und chronisch unzufrieden oder innerlich leer ist – was lernen sie dann über das Erwachsenensein? Sie lernen, dass das Leben als Erwachsener (und insbesondere als Frau) ein Ort der freudlosen Pflichterfüllung ist.

Deine Kinder wollen keine Märtyrerin als Mutter. Sie wollen eine lebendige, inspirierende, glückliche Frau sehen. Sie wollen erleben, dass Mama Augen hat, die leuchten, wenn sie von etwas erzählt, das nichts mit Windeln, Hausaufgaben oder dem Wocheneinkauf zu tun hat. Indem du dir deine eigenen Interessen zurückholst, gibst du deinen Kindern die Erlaubnis, im Leben später dasselbe zu tun.


📚 Empfehlung*:

„Big Magic: Nimm dein kreatives Leben in die Hand“ von Elizabeth Gilbert

Dieses Buch ist keine trockene Theorie über Kunst. Es ist eine leidenschaftliche, unheimlich befreiende Einladung, das eigene kreative Leben wieder zurückzuerobern.


Wie ich mich selbst wiedergefunden habe: Die eine Frage

Nach diesem schmerzhaften Abend auf der Geburtstagsparty saß ich am nächsten Tag in einer ruhigen Minute mit einem leeren Notizbuch im Wohnzimmer. Ich stellte mir eine einzige, radikal ehrliche Frage: What did I love before I was told to be useful? (Was habe ich früher geliebt, bevor man mir beibrachte, nützlich zu sein?) Oder einfacher ausgedrückt: Was habe ich als junges Mädchen oder junge Frau stundenlang getan, ohne dass es einen Zweck erfüllen musste?

Die Antwort schoss mir augenblicklich und mit einer erstaunlichen Wucht in den Kopf: Zeichnen.

Ich hatte als Jugendliche jeden Tag gezeichnet. Ich hatte Skizzenbücher voller Gesichter, Landschaften und kleiner Comics. Und warum hatte ich damit aufgehört? Ich erinnerte mich plötzlich: Als ich fünfzehn war, hatte ein Kunstlehrer meine Zeichnung kritisch gemustert und gesagt, die Proportionen seien „nicht gut genug für eine Kunstakademie“. Dieser eine Satz hatte gereicht, um meine Stifte für fast zwanzig Jahre in der Schublade verschwinden zu lassen. Ich hatte das Zeichnen verlernt, weil es nicht „nützlich“ oder „perfekt“ war.

Noch am selben Nachmittag fuhr ich in den Schreibwarenladen. Ich kaufte mir ein einfaches, schönes Skizzenbuch und ein paar gute Bleistifte. Nicht, um eine große Künstlerin zu werden. Nicht, um die Bilder später auf Instagram zu posten oder damit Geld zu verdienen. Sondern schlicht und ergreifend, um es zu tun. Um meiner inneren Frau einen Raum zu geben, der ganz allein ihr gehörte.

Als ich das erste Mal seit Jahrzehnten das Kratzen der Bleistiftmine auf dem rauen Papier hörte, spürte ich eine Gänsehaut. Es war, als würde in einem lange verlassenen, dunklen Raum in meinem Herzen plötzlich wieder das Licht angeknipst.


Der 4-Schritte-Fahrplan zurück zu deinen Interessen

Wenn du jetzt da sitzt und denkst: „Ich würde ja gerne, aber mein Alltag ist so schon randvoll – wie soll ich da auch noch ein Hobby unterbringen?“, dann habe ich eine gute Nachricht für dich: Du musst dein Leben dafür nicht komplett umkrempeln. Es geht nicht um Stunden. Es geht um die Haltung.

Hier sind die vier goldenen Regeln, mit denen du dir dein Ich im echten Familienchaos zurückholst:

1. Fang lächerlich klein an

Glaube nicht, dass du ab nächster Woche dreimal zum Yoga gehen oder jeden Samstag vier Stunden wandern musst. Das bricht im Mama-Alltag sofort zusammen.

  • Die Umsetzung: Setze dir ein Ziel, das so klein ist, dass du es unmöglich absagen kannst. 15 Minuten pro Woche.Ja, du hast richtig gehört. Eine Viertelstunde in sieben Tagen. Schließe dich im Schlafzimmer ein und stricke, lies, schreibe oder höre deine alte Lieblingsplatte. Wenn sich diese 15 Minuten etabliert haben, werden ganz automatisch 30 oder 60 Minuten daraus entstehen.

2. Eliminiere den Ergebnisdruck komplett

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wenn wir heute ein Hobby anfangen, denken wir sofort: „Es muss für irgendetwas gut sein. Ich muss fitter werden, ich muss ein schönes Bild für die Wohnzimmerwand produzieren oder das Gelernte auf Social Media teilen.“

  • Die Umsetzung: Mach deine neue Aktivität absichtlich unperfekt. Du machst es ausschließlich für den Prozess, nicht für das Produkt. Wenn du malst, darf das Bild hässlich sein. Wenn du schreibst, darf der Text chaotisch sein. Du tust es für das Gefühl währenddessen, nicht für den Applaus danach.

3. Erkläre niemandem, warum du das tust

Wenn wir als Mamas anfangen, uns Zeit für uns zu nehmen, neigen wir dazu, uns vor unserem Partner oder unserer Familie zu rechtfertigen: „Ich mache das jetzt, weil das gut gegen meinen Stress ist, und danach bin ich auch wieder viel belastbarer…“ Stopp!

  • Die Umsetzung: Du musst dich nicht dafür rechtfertigen, dass du existierst. Du musst nicht erst kurz vor dem Burnout stehen, um dir Zeit zu nehmen. Sag einfach: „Ich nehme mir jetzt eine halbe Stunde für mein Buch.“Punkt. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung.

4. Buche dir diese Zeit wie einen unumstößlichen Arzttermin

Wenn du wartest, bis im Alltag „Zeit übrig bleibt“, wirst du bis zur Rente warten. Es bleibt nie Zeit übrig. Es gibt immer einen Fleck zu wischen oder eine E-Mail zu schreiben.

  • Die Umsetzung: Trage dir deine Ich-Zeit fest in den gemeinsamen Google-Kalender (Artikel 43) ein. Nenne den Termin meinetwegen „Mama-Sperrzeit“. In dieser Zeit übernimmt dein Partner oder die Großeltern die Kinder – und dieser Termin ist genauso unumstößlich wie ein Termin beim Zahnarzt.


Du selbst zu sein, ist der Kern wahrer Selbstfürsorge

Liebe Mama, echte Selbstfürsorge besteht nicht darin, sich ab und zu eine Gesichtsmaske in der Badewanne aufzulegen, während draußen die Kinder an die Tür hämmern. Wahre Selbstfürsorge bedeutet, die Verantwortung für das eigene, seelische Wohlbefinden zu übernehmen. Es bedeutet, zu sagen: „Ich bin eine Mama, ja. Aber ich bin auch eine eigenständige Frau mit einer Seele, die Nahrung braucht.“

Wenn du das nächste Mal gefragt wirst, was deine Hobbys sind, wünsche ich mir, dass du nicht mehr schüchtern im Sektglas rührst. Ich wünsche mir, dass du dich aufrichtest, deine Augen leuchten und du sagst: „Ich zeichne unheimlich gerne.“ Oder „Ich lerne gerade Spanisch.“ Oder „Ich liebe es, schwere Romane zu lesen.“ Hol dich selbst wieder ab. Es ist höchste Zeit.


Du selbst zu sein ist der wichtigste Teil von Selbstfürsorge. Mehr darüber in meinem Ebook:

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